geizige deutsche Konsument
kauft; sogar die neue Karstadt schreibt wieder schwarze
Zahlen. Die einheimische Wirtschaft boomt als hätte
es die große Krise 2008/2009 nie gegeben. Augenscheinlich
stört sich niemand daran, dass in Europa eigentlich
nur Deutschland gerade nicht auf Sparflamme kocht, dass
dieses Jahr erneut 100 und noch viel mehr amerikanische
Banken pleite gingen, dass viele Staatshaushalte weltweit
nur noch künstlich beatmet werden durch gewillkürte
Niedrigzinsen der Notenbanken, dass China und Co. zwar noch
immer die ganze überflü…äh…schüssige
westliche Weltproduktion an Wirtschaftsgütern aufsaugen
und mit wieder teurer werdenden Rohstoffen gigantische (überdimensionierte?)Infrastrukturen
erschaffen, aber wie lange noch…
Doch es ist im Moment einfach nicht gefragt, schwarz zu
sehen. Denn wenn kein sachgerechtes Argument mehr einfällt,
bleibt immer noch eins – das vermutlich lang anhaltende,
weil überlebensnotwendige niedrige Zinsniveau macht
Aktien konkurrenzlos schön. Wahrhaft weihnachtliche
Aussichten. Und so ertönen überall Kaufempfehlungen
im Anlegerblätterwald. Weil wir uns nicht gegen die
Mehrheitsmeinung stemmen wollen, sprechen auch wir eine
Kaufempfehlung aus – kaufen Sie Weihnachtsgeschenke!
Sachwerte sind in, die Industrie dankt und Aktionäre
freuen sich weiter. Aber Vorsicht, jedes Weihnachten ist
irgendwann wieder vorbei…
Jetzt, in der Ruhe zum Jahresende mag jeder von uns Börsenfreunden
mal Resümee ziehen und seine Euro zusammenzählen.
Mich würde es nicht wundern, wenn auch bei Ihnen dieses
Jahr außer Spesen nicht viel mehr gewesen ist. Die
meisten Privatanleger haben der Börse 2009 mit Verlusten
den Rücken gekehrt und den steigenden Kursen seitdem
misstraut, so dass die Hausse an ihnen vorbeiging. Selbst
die großen Versicherungen kaufen lieber deutsche Staatsanleihen
für 1 % Zinsen, statt wieder an die Aktienmärkte
zurückzukehren. Ja, wenn man nur gewusst hätte…
immer wieder dieses wenn.
Welche Strategie ist an der Börse nur die Richtige?
Altmeister André Kostolany hat ja immer gepredigt,
Aktien kaufen, Schlaftabletten nehmen und nach vielen Jahren
wieder aufwachen und sich dann über einen hübschen
Wertzuwachs freuen. Vielen wahre und selbsternannte Börsenfachleute
haben diesen langfristigen Ansatz in den letzten Jahren
für überholt erklärt. Und tatsächlich
erscheint das Börsengeschäft immer kurzlebiger,
sind nachhaltige Trends kaum ausgeprägt. Informationen
stehen weltweit fast realtime Millionen institutioneller
und privater Anleger zur Verfügung. Internetbanking
ermöglicht Transaktionen rund um die Welt in Sekundenschnelle
mit einem Mausklick. Onlinebroker bieten selbst den entferntesten
Spekulanten hier in der Prignitz den Handel auf allen großen
Börsenplätzen rund um den Erdball in allen Assettklassen,
ob Aktien, Anleihen, Fonds, Rohstoffe oder Währungen.
Ob die Kurse dabei steigen oder fallen ist egal, Derivate
machen das Geldverdienen oder –verlieren in beide
Richtungen einfach. Dazu kommt die Flut an Empfehlungen
auf allen Kanälen medialer Informationsverbreitung.
Und prompt läuft die Herde los. Im Zickzackschritt
über die grüne Wiese, äh das Börsenparkett.
Heute hü und morgen hott… Nein, die Zeiten in
denen Kostolany auf die ertragreiche Rückzahlung von
Zarenanleihen 100 Jahre gewartet hat, sind für alle
Ewigkeit vorbei. Aber auch die Blütezeit der Daytradingcenter
währte nur kurz, machen statistisch 95% der privaten
Kurzfristspekulanten mehr Verluste als Gewinne. So werden
folglich Politiker und Bankberater nicht müde, die
Aktie als unschlagbares Langfristinvestment Nummer 1 für
die private Altersvorsorge zu empfehlen. Doch schauen wir
mal auf die Renditen der letzten 10 Jahre zurück -
außer Spesen nicht viel gewesen…
Und sollten nach der weltweiten Finanzkrise auch bei uns
japanische Verhältnisse einkehren, haben wir die nächsten
20 Jahre eh einen Seitwärtstrend.
Vor uns liegt ein neues Börsenjahr und damit wieder
eine weitere Chance, DIE richtige Strategie zu finden. Am
Wichtigsten erscheint mir dabei, aus den eigenen Erfahrungen
-Erfolge und Rückschläge- zu lernen und vor allem
die nötige Disziplin aufzuwenden, die typischen Verhaltensmuster
abzulegen. Und das Schöne ist, die Börse bietet
uns jeden Tag eine neue Gelegenheit dafür (natürlich
solange einem nicht das Geld ausgeht).
Überstehen Sie unbeschadet die stressige Vorweihnachtszeit
und die anschließenden Feiertage. Alles Gute, viel
Gesundheit und auf ein Neues im immer währenden Kampf
zwischen Bullen und Bären in 2011.
Eure Elly Grünspan