Freunde von Kursraketen und Rohrkrepierern!
von Elly Grünspan (Wittenberge, 30.11.2010)
Was war das wieder für ein aufregendes Börsenjahr…
Am Jahresanfang erwarteten wir bei unter 5.500 Dax-Punkten noch das Abgleiten in den Double Dip. Danach ein rasanter Kursanstieg mit fast 1.000 Punkten in 8 Wochen und anschließend ermüdende 6 Monate im Seitwärtstrend - auf und nieder immer wieder. Und schließlich, als die traditionell schlechtesten Börsenmonate September und Oktober Böses befürch-ten ließen, begann die fulminante Jahresendralley. Das Erreichen der 7000er Marke ist schon eine ausge-machte Sache und nicht wenige sehen die 8.000er Allzeithoch-Gipfel bereits in naher Zukunft erreichbar.
Mit jeder neuen guten Börsenwoche lesen wir öfter, wie billig Aktien trotzdem immer noch sind. Denn Deutschland, einig Wirtschaftswunderland exportiert welt-meisterlich und selbst der früher so
geizige deutsche Konsument kauft; sogar die neue Karstadt schreibt wieder schwarze Zahlen. Die einheimische Wirtschaft boomt als hätte es die große Krise 2008/2009 nie gegeben. Augenscheinlich stört sich niemand daran, dass in Europa eigentlich nur Deutschland gerade nicht auf Sparflamme kocht, dass dieses Jahr erneut 100 und noch viel mehr amerikanische Banken pleite gingen, dass viele Staatshaushalte weltweit nur noch künstlich beatmet werden durch gewillkürte Niedrigzinsen der Notenbanken, dass China und Co. zwar noch immer die ganze überflü…äh…schüssige westliche Weltproduktion an Wirtschaftsgütern aufsaugen und mit wieder teurer werdenden Rohstoffen gigantische (überdimensionierte?)Infrastrukturen erschaffen, aber wie lange noch…
Doch es ist im Moment einfach nicht gefragt, schwarz zu sehen. Denn wenn kein sachgerechtes Argument mehr einfällt, bleibt immer noch eins – das vermutlich lang anhaltende, weil überlebensnotwendige niedrige Zinsniveau macht Aktien konkurrenzlos schön. Wahrhaft weihnachtliche Aussichten. Und so ertönen überall Kaufempfehlungen im Anlegerblätterwald. Weil wir uns nicht gegen die Mehrheitsmeinung stemmen wollen, sprechen auch wir eine Kaufempfehlung aus – kaufen Sie Weihnachtsgeschenke! Sachwerte sind in, die Industrie dankt und Aktionäre freuen sich weiter. Aber Vorsicht, jedes Weihnachten ist irgendwann wieder vorbei…
Jetzt, in der Ruhe zum Jahresende mag jeder von uns Börsenfreunden mal Resümee ziehen und seine Euro zusammenzählen. Mich würde es nicht wundern, wenn auch bei Ihnen dieses Jahr außer Spesen nicht viel mehr gewesen ist. Die meisten Privatanleger haben der Börse 2009 mit Verlusten den Rücken gekehrt und den steigenden Kursen seitdem misstraut, so dass die Hausse an ihnen vorbeiging. Selbst die großen Versicherungen kaufen lieber deutsche Staatsanleihen für 1 % Zinsen, statt wieder an die Aktienmärkte zurückzukehren. Ja, wenn man nur gewusst hätte… immer wieder dieses wenn.
Welche Strategie ist an der Börse nur die Richtige? Altmeister André Kostolany hat ja immer gepredigt, Aktien kaufen, Schlaftabletten nehmen und nach vielen Jahren wieder aufwachen und sich dann über einen hübschen Wertzuwachs freuen. Vielen wahre und selbsternannte Börsenfachleute haben diesen langfristigen Ansatz in den letzten Jahren für überholt erklärt. Und tatsächlich erscheint das Börsengeschäft immer kurzlebiger, sind nachhaltige Trends kaum ausgeprägt. Informationen stehen weltweit fast realtime Millionen institutioneller und privater Anleger zur Verfügung. Internetbanking ermöglicht Transaktionen rund um die Welt in Sekundenschnelle mit einem Mausklick. Onlinebroker bieten selbst den entferntesten Spekulanten hier in der Prignitz den Handel auf allen großen Börsenplätzen rund um den Erdball in allen Assettklassen, ob Aktien, Anleihen, Fonds, Rohstoffe oder Währungen. Ob die Kurse dabei steigen oder fallen ist egal, Derivate machen das Geldverdienen oder –verlieren in beide Richtungen einfach. Dazu kommt die Flut an Empfehlungen auf allen Kanälen medialer Informationsverbreitung. Und prompt läuft die Herde los. Im Zickzackschritt über die grüne Wiese, äh das Börsenparkett. Heute hü und morgen hott… Nein, die Zeiten in denen Kostolany auf die ertragreiche Rückzahlung von Zarenanleihen 100 Jahre gewartet hat, sind für alle Ewigkeit vorbei. Aber auch die Blütezeit der Daytradingcenter währte nur kurz, machen statistisch 95% der privaten Kurzfristspekulanten mehr Verluste als Gewinne. So werden folglich Politiker und Bankberater nicht müde, die Aktie als unschlagbares Langfristinvestment Nummer 1 für die private Altersvorsorge zu empfehlen. Doch schauen wir mal auf die Renditen der letzten 10 Jahre zurück - außer Spesen nicht viel gewesen…
Und sollten nach der weltweiten Finanzkrise auch bei uns japanische Verhältnisse einkehren, haben wir die nächsten 20 Jahre eh einen Seitwärtstrend.
Vor uns liegt ein neues Börsenjahr und damit wieder eine weitere Chance, DIE richtige Strategie zu finden. Am Wichtigsten erscheint mir dabei, aus den eigenen Erfahrungen -Erfolge und Rückschläge- zu lernen und vor allem die nötige Disziplin aufzuwenden, die typischen Verhaltensmuster abzulegen. Und das Schöne ist, die Börse bietet uns jeden Tag eine neue Gelegenheit dafür (natürlich solange einem nicht das Geld ausgeht).
Überstehen Sie unbeschadet die stressige Vorweihnachtszeit und die anschließenden Feiertage. Alles Gute, viel Gesundheit und auf ein Neues im immer währenden Kampf zwischen Bullen und Bären in 2011.

Eure Elly Grünspan