Liebe Freunde der sozialen Marktwirtschaft!
von Elly Grünspan (Wittenberge, 29.03.2009)
Sie ist eine der größten Errungenschaften der Bundesrepublik Deutschland, gilt als Inbegriff für Wohlstand und Reichtum aller und als Ausdruck der Überlegenheit, sogar des Sieges über den planwirtschaftlichen Sozialismus. Doch wenn ich in den letzten Tagen die Anti-Kapitalismus-Demonstrationen sehe und ihre jugendlichen Teilnehmer, erinnert mich das irgendwie an die 68er, an Friedensbewegung und Wettrüstenproteste oder die Umweltschutz- und Anti-Atomkraftkundgebungen. Hat schon was Revolutionäres. Liegen da etwa Umbruchzeiten vor uns? Dabei sind die Führungseliten der Wirtschaft selbst schuld, dass die soziale Marktwirtschaft derzeit in zunehmenden Teilen der Bevölkerung in einem negativen Licht gesehen wird - sozialer Umgang mit Top-Managern, die am Markt ver-
versagt haben. Und das auf Kosten der Steuerzahler. Da erhalten 9 Dresdner-Bank-Vorstände 58 Millionen Euro Gehälter, Boni und Pensionsleistungen für ein Geschäftsjahr, in dem sie Verantwortung tragen für 6,3 Milliarden Euro Verlust.
Zweifellos hat es andere Banken zuletzt viel stärker getroffen, aber selbst, als die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen weitaus besser waren, hat die ehemalige Nummer 2 der deutschen Bankenlandschaft Jahr für Jahr Verluste angehäuft und sich dadurch soweit geschwächt, dass das Topmanagement für sich und seine Angestellten bei der Übernahme durch die Commerzbank keine Bedingungen mehr stellen konnte. Wo ist da der Anstand geblieben, das soziale Gewissen, das Bewusstsein für gesellschaftliche Vorbildwirkung? Es muss ja nicht gleich jeder so hart mit sich ins Gericht gehen wir Adolf Merckle… Nur ein bisschen Demut und Verzicht. So wie Deutsche Bank-Chef Ackermann - nur noch 1,4 statt 11 Millionen Jahresverdienst. Hat der Jo seine Lektion nach dem selbstgefälligen Auftritt beim Mannesmann-Prozess fein gelernt. Glückwunsch. Aber auch er wird künftig keinen Hunger leider müssen; es werden ja auch wieder bessere Zeiten kommen.
Schöne Überleitung. Liegen die für uns Hobbybörsianer vielleicht endlich in greifbarer Nähe? In den letzten 2 Wochen drehten Dow, Dax und Co. mächtig auf, nachdem sie seit dem Jahresanfang kontinuierlich und heftig verloren hatten. Speziell die Bankwerte legten ordentlich zu, nachdem US-Notenbankchef Ben Bernanke der Welt das 1 Billion-Dollar-Paket zum Aufkauf von Schrotthypotheken offeriert hatte. Die Citigroup-Aktie stieg in ein paar Tagen von 1 auf 3 Dollar. OK, wer vor 2 Jahren in die damals größte Bank der Welt investierte, hat seinerzeit 55 $ bezahlt. Aber auch mit Deutscher Bank, Postbank und Commerzbank konnte man seit den Tiefständen Anfang März bis zu 100% verdienen. Und Goldman Sachs will im April schon seine 10 Mrd. $ Staatshilfe zurückzahlen. Also Vertrauen wieder da, Tal der Tränen durchschritten und zurück auf dem globalen Wachstumstrend? Die ersten Frühindikatoren deuten ja wohl auch schon darauf hin. Leider war der Börsenaufschwung der letzten Tage ziemlich einseitig von den Finanzwerten getragen. Industrieunternehmen berichten von immer größeren Auftragsrückgängen. So ist z.B. in Japan der Export um 50% (!) eingebrochen. Und nachdem die Betriebe bereits die Leiharbeiter nach Hause geschickt, Überstunden abgebaut und Kurzarbeit angeordnet haben, werden sie jetzt auch um betriebsbedingte Kündigungen nicht mehr umhinkommen. Im 1. Quartal war das Konsumverhalten der Verbraucher noch nicht wirklich von Rezessionsängsten geprägt. Der Abschwung war bei ihnen noch nicht angekommen.
Das wird sich im 2. Halbjahr wohl ändern. Und so steht auf der einen Seite die sich abzeichnende Beruhigung in der Finanzbranche und auf der anderen Seite die sich verschärfende Situation in Produktion und Handel, was wiederum die nächste Belastung für die Banken werden könnte, Stichwort Firmenpleiten. Ungute Spirale. Die große Frage ist, sind diese Verwerfungen mit Dax-Ständen um 4.000 Punkte eingepreist? Es weiß keiner. Unstreitig dagegen ist, dass die Gewinne der letzten Tage gesichert sind, wenn sie realisiert werden. Das sollte man in den nächsten Tagen auch gern mal tun und die weitere Entwicklung abwarten. Die angekündigte Billionen-Dollar-Flut bewegte dann auch gleich die anderen Anlageklassen. Innerhalb von nur 2 Stunden nach Bekanntgabe stieg das Gold um 60 Dollar und der Euro von 1,31 auf 1,35. Mehr Dollar = weniger Wert. Die Welt sorgt sich um ihre Währungsreserven, die sie im Greenback angelegt hat. Kein Wunder, dass aus China, dem weltgrößten Gläubiger des US-Staatsdefizits, kurz darauf der Ruf nach einer neuen Weltleitwährung ertönte. Ich plädiere für den Schokoladentaler, außen Gold, innen lecker, schmilzt im Mund, nicht im Portemonnaie. Frohe Ostern!

Eure Elly Grünspan