Liebe Freunde
klarer Worte!
von Elly Grünspan
(Wittenberge, 26.04.2009) |
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Da war ich doch Anfang April
bei der Daimler Hauptver-sammlung in Berlin. Die
führenden Unternehmensköpfe Zetsche, Bischoff
und Uebber berichteten wie jedes Jahr selbstgefällig
vom Hersteller der besten Autos der Welt und von
technologischem Vorreitertum, von unerwarteten Ent-wicklungen
und schwierigen Marktlagen, von klaren Strategien
dagegen mit Kostensenkungspotentialen, von positiven
Er-wartungen bei unsicheren Prognosen. Die Wortbeiträge
der großen Fondsmanager und Investoren waren
kritisch, aber letztlich doch zustimmend, im Grunde
also nichtssagend, Mehrheiten gesichert. Die Aktionäre
oder Aktionärsvertreter waren kritisch und
gegenvotierend, aber aufgrund der Anteils-minderheit
nicht maßgeblich. Eben die gleiche Prozedur
wie jedes Jahr. Und überall!
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Als ich dann gesättigt
an Informationen und kulinarischen Köstlichkeiten durch
die Hallen zurück-schlenderte, vorbei an hochglanzpolierten
Edelkarossen, die sich die Mehrheit der anwesenden Aktionäre
nie leisten wird können, da überholte ich einen
alten Mann, gebückt, an Krücken gehend, seine
Daimler-Tüte mit dem Geschäftsbericht in der zitternden
Hand haltend. Bei diesem Anblick wurde es mir wieder mal
schlagartig bewusst, der Kleinaktionär ist und bleibt
ein Nichts. Vielleicht hat er seine Aktien gekauft, als
ihm Jürgen Schrempp die Fusion von Daimler und Chrysler
als Hochzeit im Himmel verkaufte. Oder schon vorher, als
Edzard Reuter noch die Vision eines weltumspannenden integrierten
Technologiekonzerns mit Fokker, AEG, EADS und Co. hatte.
Oder erst, als Dieter Zetsche einen glorreichen Neuanfang
nach der Trennung von Chrysler beschwor. Vielleicht wusste
er von alle dem auch gar nicht viel, aber sein Bankberater
hatte ihm den Kauf wärmstens empfohlen, weil Analysten
Daimler als strong buy einstuften und es keine bessere Altersvorsorge
als Aktien gibt. Vielleicht hat er in irgendeiner Anlegerzeitung
mal gelesen, man soll sich über das Unternehmen informieren,
die Hauptversammlung besuchen, Fragen stellen, den Geschäftsbericht
lesen. Nun quält er sich durch diesen 200seitigen Geschäftsbericht
in der einen Hand und einem Langenscheidt-Wörterbuch
in der anderen. Auf der Suche nach Begriffen wie Corporate
Governance, Compliance, Fair Value Hegdes, Projected Unit
Credit Method, Net Assets und Return on Sales. Die 40, 50,
60 Milliarden Euro, die in den letzten Jahren im Daimlerkonzern
vernichtet wurden, stehen nicht drin. Auch nicht, dass die
ehemaligen und aktuellen Führungskräfte trotz
der Miseren über Jahre gutes Geld verdienten, wenigstens
einen Mercedes in der Garage stehen haben, ihre Altersvorsorge
nicht in Gefahr ist… Und wo es hingeht mit Daimler
und dem Aktienkurs steht da schon gar nicht. Aber wenn der
alte Mann von Jahr zu Jahr auf seinen Depotauszug schaut,
dann sieht er den Niedergang des Unternehmenswertes, die
Folgen von Fehleinschätzungen und Fehlentscheidungen.
Denn es ist im Grunde ziemlich egal, wann er in den letzten
Jahren seine Papiere gekauft hat, der Kaufkurs wird mehr
oder weniger in weite Ferne gerückt sein. Und was bleibt
daraus nun als Erkenntnis? Als Kleinaktionär kannst
Du nur kaufen, hoffen, verkaufen. Im Glücksfall mit
Gewinn…
Das konnte man im April ziemlich oft
und gut. Volatile Märkte boten Chancen zum Ein- und
Ausstieg, die Grundtendenz zeigte aufwärts. Der DAX
stieg nach den März-Tiefstständen zügig weiter
von 4.000 auf knapp 4.700 Punkte, korrigierte bis 4.400,
um sich dann wieder an die zwischenzeitlichen Höchststände
heranzupirschen. Die amerikanische Leitbörse hatte
es ihm vorgemacht, der Dow stieg zeitweise wieder über
8.000 Punkte, nachdem er im März noch bei 6.500 Zählern
die Anleger in die tiefste Depression stürzte. Doch
Vorsicht, neben einigen Frühindikatoren aus der Wirtschaft,
die nach langer Zeit zaghaft erstmals nach oben zeigten,
waren insbesondere die überraschenden Milliardengewinne
der großen US-Banken im 1. Quartal der Treibsatz für
die nach oben schießenden Märkte. Woher diese
Gewinne stammen, bleibt „Bankgeheimnis“ –
entweder herausragend gut gewirtschaftet (das wäre
ein solider Boden) oder durch die seit Jahresbeginn massiv
gelockerten Bilanzierungsregeln (das wäre dünnes
Eis).
Die Rohstoffe geben ein gemischtes Bild – einige hoch,
einige runter, einige seitwärts. Ein paar Industriemetalle
wie Kupfer profitierten von Chinafantasie, Gold scheint
neu zu erwachen, Öl schwächelt im Moment etwas.
Spannend ist der Dollar, vor kurzem noch tot geredet (sh.
März-Kolumne), musste man zeitweise sogar wieder weniger
als 1,30 USD für 1 Euro bezahlen. Das behalten wir
mal im Auge, denn da sollte sich in nächster Zeit eine
grundsätzliche Richtung entscheiden -wie so oft gibt
es ja Argumente für steigende und fallende Kurse- und
ab da heißt es dann „The trend is your friend“.
Ansonsten wünsche ich uns allen, dass keiner im Mai
verkauft und geht!
Eure Elly Grünspan
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