Liebe Freunde heiterer Gedanken!
von Elly Grünspan (Wittenberge, 31.08.2009)
Wie kommt man am Besten durch die Krise? Mit Humor… Vor ein paar Tagen lief im Fernsehen auf einem dieser Intellektuellen-Sender (Arte, Phoenix oder 3sat?) eine wirklich amüsante und zugleich geistvolle Talkshow, die sich mit Humor, Comedy, Satire usw. beschäftigte.
Und auf die Frage, wie denn der Mensch im deprimierenden Alltagsgrau mit all den Frustgefahren bestehen kann, offenbarte uns einer der Lachexperten, ich meine es war Eckart von Hirschhausen, folgende Alternativen - der Mensch flüchtet sich in Träume, er legt sich eine kleine Psychose zu oder er versucht es mit Humor. Nunja, getreu dem Motto, Humor ist, wenn man trotzdem lacht, können wir ja mal ein klei-
nes Resümee der größten Finanz- und Konjunkturkrise seit der Großen Depression anfang der Dreißiger ziehen:
Zum Höhepunkt der Schwarzmalerei unter den Volkswirten im März, als der letzte Privatanleger vergrault war, erreichten die Börsen ihre Tiefststände und steigen seitdem in atemberaubendem Tempo. Natürlich folgen die Prognosen jetzt den positiven Entwicklungen und werden nach oben angepasst. Bankenpleiten und Rekordinsolvenzen stören aber, angefeuert durch Abwrackprämien u.ä., die Verbraucher nicht wirklich, denn Konsum schafft Glücksgefühle zwischen den Horrormeldungen aus der Wirtschaftswelt. Mittelständische Betriebe bewegen sich nahe am Ruin, während die Banken schon wieder Milliardengewinne erwirtschaften. Sie refinanzieren sich zu 1% bei der EZB und lassen sich eine Kontoüberziehung vom Privatkunden mit bis zu 18% vergüten. Mit den Gewinnen zahlen sie die unbequem beauflagten Staatshilfen zurück; von einer staatlichen Neuordnung des Finanzsystems und der Risikoüberwachung hört man nix mehr.
Knappe Kassen und Haushaltsdisziplin verhindern traditionell Mehrausgaben in der Kinderbetreuung, im Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswesen, aber zur Rettung einer einzigen Bank (HRE) stehen über 100 Mrd. Euro bereit. Weltweit lahmt der Klimaschutz aus finanziellen und wirtschaftlichen Gründen, aber die Krise verschlingt mal eben 10 Billionen Dollar in nur 2 Jahren. Tausende Arbeitnehmer sehen mit Sorge das Ende des verlängerten Kurzarbeitergeldes nahen, Investmentbanker erhalten schon wieder Millionenprämien und –provisionen.
Der Insolvenzverwalter bei Arcandor stellt fest, das keinerlei Substanz mehr im Unternehmen steckt, alles verpfändet ist und auch der letzte „Staub aus den Ecken gekehrt und zu Geld gemacht wurde“, aber 15 Millionen Euro Abfindung für Konzern-Chef Eick sind dann doch noch aufgetaucht. Die durch die Pleite verarmte Großaktionärin und Ex-Milliardärin Madleine Schickedanz lebt von 600 Euro im Monat und den Früchten ihrer Gartenarbeit und ist damit Vorbild und Motivation für Tausende Karstadt-Entlassene. Aber wenigstens die Hausbank von Arcandor und Schickedanz, Sal.Oppenheim, kann unter den Rettungsschirm der Deutschen Bank schlüpfen… umso länger ich über die Krise nachdenke, umso mehr Fakten und Anekdoten fallen mir ein. Aber ehrlich gesagt, fällt es mir dabei schwer, von den eingangs erwähnten 3 Bewältigungsstrategien gerade den Humor auszuwählen. Die Psychose springt mich geradezu an.
Lieber träume ich davon, dass ich damals Anfang 2008, als der DAX mehrfach vergeblich versucht hatte die 8.000 Punkte zu übersteigen, einen endlos-Put-Optionsschein gekauft HÄTTE, der mich zwischenzeitlich steuerfrei zum Millionär werden ließ…aber dann erwache ich und stelle fest, dass ich es versäumt habe und im Gegenteil bei 6.500 Punkten TATSÄCHLICH erstmals auf ein Ende des Abschwungs spekuliert habe und prompt bin ich wieder bei meiner Psychose… Ob naiv verträumt oder ganz sachlich, die Investoren haben DAX und Dow auch im August weiter steigen lassen auf neue Jahreshochs. Und mehrheitlich sehen die Fachleute wohl eine Fortsetzung dieses Trends. Ich nicht, aber vielleicht ist da auch mehr der Wunsch Vater meiner Gedanken, denn ich habe mir vor ein paar Tagen einen Daxput gekauft. Schließlich liegt mit den Monaten September und Oktober die schlechteste Zeit des Börsenjahres vor uns. Und da der DAX schon 50% seit dem Jahrestief zugelegt hat, wäre doch die Zeit vielleicht mal reif für… Zu Gold, Öl und Euro/Dollar könnte ich meine letzten Kolumnen wiederholen, denn wirklich Neues ist nicht passiert. Weiter abwarten heisst es hier.
Am 27. September ist Bundestagswahl. Ich kann mich an keinen so profillosen Wahlkampf erinnern wie dieses Jahr. Eine bürgerliche Regierung wird dann wohl die politische Patt-Situation der letzten Jahre in der großen Koalition auflösen. Traditionell eine Freude für Börsianer. Aber politische Börsen haben bekanntlich kurze Beine. Denn auch eine bürgerliche Regierung wird um unpopuläre Maßnahmen zur Heilung der finanzpolitischen Verwerfungen im Zuge der Krise nicht umherkommen. Ob wir dann noch was zu Lachen haben werden?

Eure Elly Grünspan